Lukas Pusch // “Deutsche Moscheen” // April-Juni 2015

Für sein Projekt “Deutsche Moscheen” präsentiert der österreichische Künstler Lukas Pusch (*1970, Wien) eine Serie von Holzschnitten zu Moscheebauten in Deutschland und lenkt dabei den Blick auf ein in den aktuellen Diskussionen wenig beachtetes Phänomen:

Die meisten Moscheen in Deutschland sind in Hinterhöfen und Gewerbegebieten versteckt. Seit einigen Jahren werden aber auch große, repräsentative Moscheen gebaut. Heftige Konflikte sind die Folge.

Für die einen religiöse Heimat und Zeichen eines neuen Selbstbewusstseins, sind sie für die anderen der architektonische Ausdruck einer schleichenden Islamisierung. Minarette werden zu Bajonetten des islamischen Fundamentalismus hochstilisiert und deren Bauhöhe zum Gradmesser von Integrationsverweigerung. Das war nicht immer so.

Noch vor gut 100 Jahren wurde Moscheearchitektur als Bereicherung empfunden und zur Verschönerung des Stadtbildes eingesetzt. Ganze Fabriken und Kraftwerke wurden, wenn auch wenig pietätvoll, im Stil muslimischer Gotteshäuser gebaut und teilweise auch als solche benutzt. In diesem Sinne läßt sich eine deutsche Moscheebautradition bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen die Ausdruck architektonischer Wertschätzung bei gleichzeitiger Abwertung der Muslime selbst darstellt.

Der Künstler Lukas Pusch hat eine Serie von Holzschnitten mit Beispielen deutscher Moscheearchitektur geschaffen. Der Künstler lenkt damit den Blick auf ein in der aktuellen Diskussion wenig beachtetes Phänomen und setzt damit ein Zeichen für eine tolerante und offene Gesellschaft.

Begleitprogramm zur Ausstellung:

Der Journalist und Islamwissenschaftler Abdul-Ahmad Rashid sprach am 26. April zum Thema Moscheebauarchitektur und -tradition in Deutschland. In seinem Vortrag thematisierte er nicht nur die historischen Ursprünge deutscher Moscheebauarchitektur sondern erklärte auch die gesellschaftliche Funktion muslimischer Gotteshäuser im Wandel der Zeit.

Welche Funktionen erfüllt eine Moschee und was zeichnet ihre Bauweise aus? Gibt es überhaupt eine einheitliche Moscheearchitektur? Sind Moscheen eher Sehnsuchtsbauten, die an eine entfernte Heimat erinnern? Oder gibt es auch avantgardistische Architekturexperimente? Damit verbunden wurden auch gesellschaftspolitische Aspekte kritisch beleuchtet:
Wie hat sich die Wahrnehmung repräsentativer Moscheebauprojekte in unserer Gesellschaft über die Jahre gewandelt? Und ist der jüngste Zuwachs von repräsentativen Moscheebauten in diesem Land Zeichen einer Zugehörigkeit des Islam zu Deutschland oder Ausdruck eines Machtanspruchs?

Abdul-Ahmad Rashid ist Journalist, Islamwissenschaftler und Muslim und seit Mai 2007 Mitglied der Redaktion Kirche und Leben ev., die zur ZDF-Hauptabteilung Kultur und Wissenschaft gehört. Der Sohn eines Afghanen und einer Deutschen, der in Köln aufwuchs und Islamwissenschaft, Germanistik und Vergleichende Religionswissen­schaften studierte, betreut als Experte das ZDF-Internetangebot „Forum am Freitag“. Er will mit seiner journalistischen Arbeit zu einem besseren Verständnis des Islam in der westlichen Gesellschaft beitragen.

Der Film “Allah in Ehrenfeld – Der Bau der Kölner Moschee” dokumentiert fünf Jahre des Baus, angefangen mit ersten heftigen Proteste gegen den Moscheebau im Jahr 2007. In Köln leben über 120.000 Muslime. Die rheinische Metropole hat damit prozentual mehr Einwohner islamischen Glaubens als jede andere deutsche Großstadt. Bisher war der berühmte gotische Kölner Dom das Wahrzeichen der Stadt. Nun prägt ein zweites spektakuläres Gotteshaus die Skyline: Im innenstadtnahen Viertel Ehrenfeld wurde eine der größten und modernsten Moscheen Europas errichtet ‐ von Paul Böhm, dem Architekten aus der renommierten Architekten‐ Dynastie, die für ihre christlichen Kirchenbauten berühmt ist. Birgit Schulz und Gerhard Schick zeigen darin dem turbulenten Verlauf der Ereignisse – von den aufgeregten Gegendemonstrationen bis zur Erteilung der Baugenehmigung, vom Abriss der alten Moschee und den aufwändigen Bauarbeiten bis hin zum fast fertigen Neubau im Jahr 2012. Kurz vor Abschluss der Bauarbeiten, kommt es zu einem neuen, unerwartet heftigen Eklat: Die DITIB entlässt den Architekten und das ganze Projekt droht kurz vor der Fertigstellung zu scheitern.

Für die freundliche Zurverfügungstellung des Films am 6. Mai möchten wir uns bei der Bildersturm Filmproduktion bedanken.

“Podiumsdiskussion über Ängste, Hoffnungen und Möglichkeiten in Bezug auf die Bedeutung des Islams in Deutschland”

Moderation:
Floris Biskamp, Politikwissenschaftler, Universität Kassel
Teilnehmer:
– Thomas Schmidinger, Politikwissenschafter und Sozial- und Kulturanthropologe, Wien
– Dr. Lale Akgün, SPD Politikerin und Mitgründerin der Muslimischen Gemeinde Rheinland, Köln
– Dr. Bekir Alboğa, Generalsekretär der DITIB, Köln
– Ferhat Yildiz, Generalsekretär des Bundes der Alevitischen Jugendlichen in Deutschland e.V. (BDAJ), Dortmund
Themenfelder:
– Das Islamgesetz in Österreich – ein Irrweg oder ein Vorbild für Deutschland?
– Deutsche Imame in deutschen Moscheen? Brauchen wir eine Imamausbildung in Deutschland?
– Deutschlands vielfältige muslimische Gemeindelandschaft – fehlt ein zentraler
Ansprechpartner?
– Repräsentative Moscheebauten – wofür stehen sie und welche Funktion haben sie?

7. Juni, 19 Uhr

 

 

 

 

 

 

Lukas Pusch (*1970 in Wien) hat Malerei an der Universität für Angewandte Kunst in Wien, dem Surikov Institut in Moskau und der HfBK Dresden studiert. Mit Mitteln der Malerei, Performance, Installation und Konzeptkunst greift der Künstler mit Vorliebe tabuisierte Themen auf, um auf identitätsbildende Strukturen aufmerksam zu machen. Lukas Pusch lebt und arbeitet in Wien.

2006 realisierte Pusch die Vienna Voodoo Performance in Mathare, einem der größten Slums in Ostafrika. Dabei marschierte er mit einem weißen Smoking durch den Slum in Nairobi. Als Folgeprojekt entstand 2007 das Projekt SLUM-TV, lokales Fernsehen von Menschen im Slum für Menschen im Slum.

Ein Jahr später flog Lukas Pusch nach Russland und gründete mit seinem russischen Künstlerkollegen Konstantin Skotnikov die White Cube Gallery Novosibirsk, das erste und damals einzige Zentrum für Gegenwartskunst in Sibirien in Form einer Blechgarage. Die Galerie war Ausstellungsfl äche und Readymadeskulptur in einem. 2009 montierte Lukas Pusch die Galerie auf die Plattform eines LKW ZIL-130 und organisierte Wanderausstellungen im russisch-mongolischen Grenzgebiet. Auf dem Rückweg wurden die Künstler mit ihrer fahrbaren Galerie als beste Arbeit der Kunstbiennale in Krasnojarsk ausgezeichnet. 2010 wurde die Galerie von sibirischen Polizisten geraubt und galt für einige Zeit als verschollen. Im gleichen Jahr wurde mit dem Siberian Center of Contemporary Art das erste staatliche Zentrum für Gegenwartskunst eröffnet und die White Cube Gallery Nowosibirsk for dem Eingang des neuen Museums aufgestellt. 2012 wurde Lukas Pusch von Daniel Hug eingeladen seine White Cube Gallery vor dem Haupteingang der Art Cologne zu präsentieren.

Für sein jüngstes Projekt reiste Lukas Pusch nach Shanghai. Als Bekenntnis zu seiner Unwissenheit von Land und Leuten, drehte er den Spieß herum indem er sich fragte welche Vorstellung wohl die Chinesen von einem Österreicher hätten. “Völkerverständigung auf der Ebene wechselseitiger Kitsch- und Klischeevorstellungen” lautete die Devise, nach der Pusch, im Selbstversuch als Mozart kostümiert, durch Shanghai zog. Die dabei entstandene Fotoserie Mozart in China zeigt ihn etwa auf einem Schutthaufen auf einer der unzähligen Shanghaier Baustellen stehend, und auf einer Plastikgeige – so behauptet es jedenfalls der Bildtitel – das Violinkonzert Nr. 1 in B-Dur zum Besten gebend.

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